Aus der Serie Feathered Sounds: onomatopoeias
Puzzle Monochrome: urbane Landschaften mit elektronischen filesThe whole interview by Doris Lippitsch, icluding the one to Peter Rantasa, can be read at
CITY MAGAZIN FÜR ARCHITEKTUR UND URBANES (VIENNA, AUSTRIA).
Interview. Der Künstler Juan Matos Capote schließt Schaltkreise kurz, experimentiert Feld- aufnahmen im urbanen Raum und stellt seine neue Rauminstallation für das PS1 (MoMA, N.Y.) vor. Über Ambient Music auf Baustellen und die Notwendigkeit für einen liquiden Konzertsaal in Wien berichtet der Musiker und mica-Leiter Peter Rantasa.
City: Du bereitest eine Rauminstallation im PS1 (MoMA) in New York vor, die zeitgleich im MACBA, Múseú d’Art Contemporani de Barcelona, im Oktober präsentiert wird. Ist sie an das Album Subway Aural Recordingsangelehnt?
Juan Matos Capote: Ja, seit Kurzem werden akus- tische Installationen im MACBA kuratiert. Im Oktober wird, gleichzeitig mit dem PS1, Zentrum für zeitgenössische Kunst (MoMA) in New York, die Installation The trembling of my Williamsburg Studio while they are constructing outsidegezeigt, die sich aus einem visuellen und auditiven Part zusammensetzt. Die Idee zu dieser Arbeit wurde mir gewissermaßen von außen zugetragen: Monatelange Bauarbeiten in Williamsburg, eine Water- front wird am Hudson River gebaut, und das nur fünf Meter von meinem Studio entfernt, haben mich dazu veranlasst, Aufnahmen von diesem oh- renbetäubenden Baulärm zu machen. Über Monate. Ich versuchte, das Problem mit Aufnahmen zu lösen, um überhaupt noch arbeiten zu können. Der industrielle Werkteil besteht aus recyceltem Baustellenlärm, derwiederaufbereitet wird. Sieben Minuten lang sind Baukräne, Pressluftbohrer und Baustellenarbeiter in einer Art Rückfluss zu hören. Der visuelle, taktile Part besteht aus einer horizon- talen Lautsprecherbox, auf der geometrische Figu- ren, aus Papier geschnitten, vibrieren. Der Be- trachter kann sich so buchstäblich ein Bild von \den immensen Erschütterungen und Schwingun- gen in Williamsburg machen.
Ähnlich ist dein erstes Solo-Album entstanden: Die Subway Aural Recordingshast du über Jahre in der New Yorker U-Bahn und in U-Bahn-Stationen zwischen Manhattan und Brooklyn aufgenommen. Sie bestehen aus elf Tonstücken und wurden im deutschen Label EinzeleinheitEnde 2007 herausgegeben.Die U-Bahn, das unteriridische U-Bahn-Netz ist die Hauptader, die alle urbanen Zentren einer Me- tropole zusammenführt und -hält. Die Subway in N. Y. hat eine niedrige Frequenz, die den gesamten Klangraum überspannt und definiert. Fast keine Stimmen sind auf den Aufnahmen zu hören, die Bestandsaufnahmen von auditivem Abfall, sprich meist als störend empfundene Geräuschkulissen, sind. Sie bestimmen unseren urbanen Alltag, werden meist abstrahiert, demnach nicht bewusst wahrgenommen. Fast zwei Jahre lang habe ich Feldaufnahmen in U-Bahn-Stationen und in U-Bahnen zwischen meinem Studio in Brooklyn und Manhattan gemacht, selektiert, analysiert und wiederaufbereitet. Auch Störungen oder Ausfälle, wie der letzte Titel auf dem Album ironisch wie- dergibt: At Last the Poet Says: Again There Is No L Train.
Neue visuelle und auditive Beziehungen entste- hen, die diesen urbanen wie individuellen Raum neu definieren, den ich tagtäglich zurückgelegt habe. Die wiederholten Mitschnitte habe ich aus- nahmslos unbemerkt aufgenommen. Dadurch sind alle Aufnahmen authentisch. Zentrale Elemente meiner elektronischen Musik sind Zufall und Improvisation, die Struktur wird durch die Studioaufnahmen ziseliert. Struktur ist per se nicht statisch. Sinneswahrnehmungen werden dadurch sensibilisiert: Die Geräusche der field recordings gehen durch einen durch.
Planst du Aufnahmen in Barcelona?Ja, ich beginne, nun den „Untergrund“, das unter- irdische Metro-Labyrinth in Barcelona zu analysieren ... Die Klangdichte und der Rhythmus der U-Bahn in Barcelona sind beispielsweise völlig unterschiedlich. Menschen unterhalten sich – lautstark. Vor Jahren habe ich in Antwerpen ein weißes Puzzle gefunden, ein Monochrom – ohne Motiv. Die einzelnen Puzzle-Teile zeichnen mit ihren Konturen eine Landschaft in das weiße Karree. Mit den Feldaufnahmen funktioniert das ähnlich. Ich entwerfe urbane Landschaften mit elektronischen Files. Ich recycle Lärm, elektronischen Müll, der uns tagtäglich umgibt, den ich verändere und im Studio neu zusammensetze. Die Kompositionen sind Exkursionen ins Unbekannte, die Versuchung ist um die nächste Ecke. Letztendlich definiert aber jeder Zuhörer Klangräume und Klangbilder für sich, die sich, nie unabhängig von Stimmung, Kultur oder Vorwissen, immer wieder neu abspulen, aber immer an die Intentionen dieser Musik, periodisch wiederkehrende Themen, gebunden sind.
Wie hat deine Auseinandersetzung als bildender Künstler mit experimenteller, elektronischer Musik und Circuit Bending begonnen? Seit Jahren unterrichte ich Kunst. Die Auseinan- dersetzung mit monochromatischer Malerei, Arte Povera, konkreter Poesie, Liedertexten, phänome- nologischer Wahrnehmung, Synästhesie, onomatopoeias und John Cage haben mein Interesse fürden „physischen“ Klang mehr und mehr entfacht. Sprechblasen wie etwa in Comics, wenn sich ein Paar liebt, sollten schließlich leben und drei- dimensional, wahrnehmbar sein! In meinen „Gefederten Klängen“ wird diese Inspiration in meiner Arbeit deutlich, wie etwa in aaahhhh, 2001 (siehe Bild). Klänge sind zunehmend in meine bildnerische Tätigkeit eingeflossen. Spät habe ich Pauline Oliveros Lehre über tiefes Hörverständnis in New York kennengelernt. Seit der Begegnung mit Reed Ghazala in Ohio, arbeite ich mit Circuit Bending und habe begonnen, mit elektronisch modifiziertem Spielzeug zu experimentieren, Schaltkreise zu manipulieren und Instrumente für neue Klänge zu bauen. Reed Ghazala ist Begründer der Anti-Theorie aleatorischer Musik und beschäftigte sich ab den späten 1960er-Jahren mit der Verbindung von visueller Kunst und Musik, komponiert für Tom Waits ...
Welche Rolle spielt der Zufall in deiner Arbeit?Eine sehr wichtige. Die Auseinandersetzung mit Zufall und Improvisation ermöglicht mir, Rigidi- tät, Starrheit in meiner Arbeit zu vermeiden und fließende Strukturen zu generieren. Ich arbeite mit Ton wie ein Maler mit Farbe. Ich mag diese experimentelle Annäherung, Töne zu erzeugen, ja, auszureizen, deren Synthese eine Sinfonie ist. Die Idee von Musik wird so erweitert, über das Geräusch identifiziert. Das ermöglicht neue, „er- neuerbare“ Energien, nicht nur in der Musikszene, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Musik wurde so demokratisiert. Das anspruchsvoll Besondere, das „Akademische“, geht über in ein Ganzes. Darin sehe ich eine große Chance und unzählige Möglichkeiten.
Wie sozial und politisch engagiert ist deine Arbeit? Ich versuche, mehrere Sinne über meine Arbeit anzuregen. Über Jahrhunderte hat der Sehsinn dominiert. Das entspricht einem demokratischen Streben nach Diversität, die ich in der Verbindung zwischen bildender Kunst und Musik erreichen kann.
Der persönliche, individuelle Bereich wird über meine Räume und Erfahrungen neu formuliert. Als Künstler, der in einem gegebenen Raum und einer bestimmten Zeit lebt, nehme ich darin eine Position ein. Eine Position ist auch immer eine Definition. Daher politisch, weil eine Erfahrung immer auf Ursache und Wirkung zurückzufüh- ren ist. Egal dabei ist, ob man ein Bild malt, Musik macht, ebenso wie der Kunstmarkt geregelt oder wie die aktuelle Regierung besetzt ist.
Wie inspirieren die field recordings deine visuellen Arbeiten?Die recycelten und komponierten Sounds übertragen sich auf meine Skulpturen und Rauminstallationen. Für die Dak’Art 2008, die achte Biennale für Zeitgenössische Kunst in Dakar, habe ich eine Toninstallation entwickelt.
Auch in meiner visuellen Kunst arbeite ich mit der Wiederaufbereitung von taktilen Stoffen: Material finde ich in den unzähligen Mülltonnen unserer schnelllebigen Konsumwelt und technischen Umwelt. Gebrauchte Gegenstände werden durch recycelte Verwertung transformiert – und vielleicht lebendiger? Der Gedanke gefällt mir, der mich immer wieder dahingehend bewegt, den Schaffensprozess zu dehnen und neu zu definieren.
Ein aktuelles Beispiel für Recycling in deiner visuellen Arbeit? Im Dezember findet im CCBB, Katalanisches Zentrum für Zeitgenössische Kunst, das Recycling-Kunst-Festival Drap-Art 2008 statt. Meine Idee ist, eine Performance mit modifizierten Spielzeugverstärkern und selbst gebauten Instrumenten zu improvisieren. Auch ein Circuit-Bending-Workshop ist angedacht.
Die Aufnahmen in der U-Bahn in Barcelona laufen langsam an. Dafür nehme ich mir Zeit. Wichtig aber ist, mein Studio in Gràcia einzurichten, um richtig loslegen zu können.
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